Aggro-Agra und des Königs neue Tiger

Wir wussten, dass Jaipur ein guter Ausgangspunkt ist, um einen Nationalpark zu besuchen und die einheimische Tierwelt kennen zu lernen. Da wir in Indien nicht selbst fahren wollten, haben wir ein Reisebüro kontaktiert und uns überreden lassen, die Aufenthalte in Jaipur und Agra jeweils um einen Tag zu verkürzen zu Gunsten eines Besuches im Ranthambore Tigerreservat – Wann hat man schon nochmal die Chance wilde Tiger zu sehen?

Wir packten also wieder unsere Rucksäcke und machten uns mit unserem Fahrer Ravi auf zum nächsten Abenteuer. Bis jetzt waren wir in Indien in erster Linie mit Flugzeugen oder Zügen unterwegs und haben noch nicht viel vom Straßennetz zwischen den Städten gesehen. Dieses Mal sollten wir die volle Breitseite abbekommen- ausgewaschener und abgebrochener Straßenbelag, alle möglichen Arten von Tieren, LKW die auf der Gegenspur unterwegs sind (bei uns würde man sie als Geisterfahrer ansehen, hier ganz normal), LKW, die sich gegenseitig überholen und dabei beinah den Gegenverkehr rammen usw. Das wirklich beeindruckende war die Ruhe unseres Fahrers, der gegen die ganzen Verrücktheiten immun zu sein schien und uns sicher und entspannt an jedes Ziel gebracht hat.

Wir haben zwei Safari Touren im Voraus gebucht um unsere Chancen zu erhöhen, wilde Tiere (vor allem Tiger) zu entdecken. Die erste Tour startete gleich nach unserer Ankunft. Wir wurden von einer Art Cabrio-Bus ohne Verdeck abgeholt und weil wir unter den ersten waren, durften wir sogar vorne sitzen. An der Einfahrt zum Park wurden wir von einigen Affenfamilien empfangen – „dann war die Tour ja schon mal nicht umsonst“ haben wir uns gedacht. Im Park haben wir aber eine Fülle an Tieren gesehen: verschiedenste Arten von Rehen, Antilopen, Pfauen und Krokodilen, aber keine Tiger. All die Tiere waren so an die Anwesenheit der Busse gewöhnt, dass sie bei unserem Anblick keine Anstalten machten weg zu rennen oder sich auch nur aus der „Fahrrinne“ (Straße kann man es nicht nennen) zu begeben – Touristen gehören leider zu ihrem Alltag genauso wie Bäume oder Gräser. Irgendwann hielt unser Bus an und unsere Guides zeigten uns einen Tatzen Abdruck im Sand – „Tiger!“. Wäre der Trip an dieser Stelle zuende, wären wir nicht mal großartig enttäuscht, immerhin haben wir viele Tiere gesehen und im Gegensatz zu Zoos, schien es ihnen sehr gut zu gehen (naja, bis auf die Touristen eben). Doch nach der Tatzensichtung bogen wir um eine Kurve und was wir dort sahen passte einfach nicht in unsere Vorstellung von einem Naturschutzgebiet – es war Stau! Es war ein Stau aus Bussen wie unserem und Jeeps. Es stellte sich heraus, dass irgendwo weiter vorne im Gebüsch angeblich ein Tiger zu sehen ist und all die Busse und Autos sich hier versammelt haben um einen Blick auf das arme Ding zu werfen. Und weil das Ganze in Indien stattfand, schrien die Fahrer der Hinteren Wagen die weiter vorne an, damit sie weiter vorrücken. Die weiter vorne hat das aber überhaupt nicht interessiert, weil sie in erster Linie wollten, dass ihre Gäste den Tiger zu sehen bekommen. Als unser Fahrer also genug geschrien hat und wir weiter vor gerückt sind, hat er natürlich das Gleiche gemacht und ist stehen geblieben bis alle einen Blick erhascht haben. Aber das war eh so eine Sache, denn die Tigersichtung hat uns irgendwie an die Geschichte mit des Königs neuen Kleidern erinnert – alle haben irgendwas irgendwo gesehen und wir waren die einzigen, die nur das gesehen haben, was offensichtlich war- Gebüsch, Blätter, Schatten, Dschungel halt aber keinen Tiger. Selbst nach der Auswertung unserer Fotos sind wir nicht wirklich sicher ob dort ein Tiger zu sehen ist oder nur Äste und Blätter. Immerhin haben wir einige andere Tiere gesehen und die Landschaft war auch sehr schön von daher haben wir den Tag als Erfolg verbucht. Am nächsten Morgen mussten wir früh raus, denn es ging zur Morgensafari. Dieses Mal nahmen wir eine andere Einfahrt in den Park um auch einen anderen Teil des Reservats zu sehen. Nach nur ein Paar Minuten wieder das gleiche Spiel: Stau, Geschreie, Staub, Menschen, die auf einer Seite des Fahrzeugs manisch versuchen irgendwas im Gebüsch zu entdecken. Unser Fahrer machte das gleiche wie der am Vortag – durch Schreien und Kaputtfahren der umliegenden Vegetation (nicht dass es ein Nationalpark wäre und man von den Leuten, die von ihm leben erwarten würde, sorgsamer mit der natürlichen Ressource, die sie ernährt umzugehen) hat er uns einen Spot verschafft von dem aus man angeblich sehen konnte, wie ein Tiger eine Kuh frühstückt. Und wieder waren konnten wir nichts erkennen, doch dieses Mal hat mich der Fahrer eines Jeeps angesprochen, der neben unserem Bus stand und hat angeboten zu denen rüber zu klettern. Das Angebot nahm ich dankend an und da war er, ein Tiger in freier Wildbahn, ohne Gitter, ohne Käfig lag er da und hatte sein Frühstück ohne sich um die Menschen um ihn herum zu kümmern. Irgendwann schien er genug zu haben (entweder von der Kuh oder von dem Spektakel um ihn herum) und ging einfach weiter – in diesem Moment sehen wir ihn durch eine Lichtung im Gebüsch vorbeilaufen – Gänsehaut pur! Als der Tiger einen majestätischen Abgang ins Gebüsch hingelegt hat, sahen unsere Guides ihr Tagesziel erreicht und machten den Rest der Tour genauso enttäuschend wie den Anfang. Wir fuhren im Schnelldurchlauf durch den Park, sahen wieder einige Antilopen und Rehe, haben noch ein Paar Pflanzen umgefahren und verabschiedeten uns mit einer dicken Staubwolke (den Staub habe ich immer noch an der Kamera). Wir hatten beide sehr gemischte Gefühle über diesen Besuch- auf der einen Seite haben wir einen der wenigen noch verbleibenden frei lebenden Tiger in seinem natürlichen Lebensraum gesehen, was in ein paar Jahren vielleicht nicht mehr möglich sein wird. Auf der anderen Seite ist uns natürlich klar, dass wir mit unserem Besuch das Verhalten der Fahrer und die viel zu hohe Zahl der Fahrzeuge im Park unterstützt haben.

Am nächsten Tag ging es weiter nach Agra, die Heimat des berühmtesten Wahrzeichens Indiens und eines der modernen Weltwunder: Das Taj Mahal. Immer wenn wir jemandem erzählt haben, dass wir drei Tage in Agra verbringen wollen, haben sie uns seltsam angeguckt und gefragt, was wir denn so lange da tun wollen. Am Ende hat es der Chef des Reisebüros in dem wir unseren Trip gebucht haben auf den Punkt gebracht: „Agra ist ein Drecksloch“. Aber da haben wir uns noch unerschrocken gezeigt und gedacht „Wird schon nicht so schlimm sein, wir haben ja auch den Rest von Indien überstanden“.

Auf dem Weg nach Agra haben wir einen Zwischenhalt in Chand Baori eingelegt – einem der größten und beeindruckendsten Stufenbrunnen in Indien. Der Brunnen ist ca. 30 Meter tief und hat 13 Etagen, was schon sehr beeindruckend ist, vor allem wenn man bedenkt, dass er knapp 1200 Jahre alt ist und er sieht auf Bildern ganz cool aus, weswegen er auch im Film „Batman – The dark knight rises“ vorkam J

Aufgrund der Straßenverhältnisse, die wir vorher schon beschrieben haben , haben wir fast den ganzen Tag für die 300km vom Ranthambore Nationalpark nach Agra gebraucht, aber wir kamen gerade noch rechtzeitig an um den Sonnenuntergang über dem Taj Mahal zu sehen. Dafür sind wir auf die andere Flussseite zum Metah Bagh Garten gefahren. Die Fahrt zu den Gärten und zurück zur Unterkunft hat uns klar gemacht, was alle anderen mit ihren Blicken meinten… Es war der verrückteste Verkehr, den wir bisher erlebt haben und alles außerhalb des Taj Mahals ist, man kann es nicht beschönigen, einfach nur eine staubige stinkende Müllhalde mit streunenden Hunden. Ein britisches Paar, das wir in unserer Unterkunft kennengelernt haben hat es treffend beschrieben: „Es ist so, weil sich einfach niemand um irgendwas schert, es kümmert sie einfach nicht“ – und es ist leider wahr. So viele Touristen, die hier her kommen, so viel Geld wie sie hier lassen und so wenig, was in Infrastruktur und Stadtentwicklung investiert wird… es war ein trauriger Anblick.

Aber zurück zu unserem Taj Besuch: dieses Mal waren wir nicht die unvorbereiteten Touris, die wir sonst sind und haben einige Artikel darüber gelesen, wie und wann man das Taj am besten besucht, haben Tickets online im Voraus gekauft, haben keine verbotenen Gegenstände mitgebracht (praktisch alles, außer einer Kamera ist verboten) und, was am wichtigsten ist, wir wollten das Taj Mahal bei Sonnenaufgang erleben. Die Tore öffnen um 06:45 und wir waren unter den ersten Dutzend Besuchern, die vor dem Tor gewartet haben. Die überquirligen Amerikaner um uns herum haben uns irritiert, weil es für uns noch mitten in der Nacht war – vermutlich haben sie vom Jetlag profitiert :D. Als die Tore offen waren und wir die sinnlosen Kontrollen hinter uns gebracht haben, waren wir auf dem Weg zum Eingang. Und da war es –die Schönheit dieses Ortes hat uns einfach umgehauen! Der weiße Marmor leuchtet leicht rötlich in der Morgensonne und nahm uns den Atem! Egal wie viele Bilder man sieht und wie viel man liest, nichts kann das Gefühl vermitteln, das man bekommt, wenn man wirklich vor Ort ist und es mit den eigenen Augen sieht. Der Satz „Das ist es, das ist es wofür wir den ganzen Trip machen“ ging immer wieder durch unsere Köpfe. Der Vorteil unter den Ersten zu sein war auch, dass wir es geschafft haben einige schöne Fotos fast ohne andere Besucher zu schießen, was nur einige Minuten später nicht mehr möglich war. Als die Bilder im Kasten waren, sind wir weiter ins Innere des Taj Mahal gegangen und haben gesehen wie viel Liebe zum Detail hier investiert wurde. Wieder draußen, haben wir uns ein bequemes Plätzchen gesucht und uns eine Weile hing gesetzt um diese Schönheit zu genießen. Als wir wieder draußen waren, verbrachten wir den Rest des Tages in unserer Unterkunft und haben uns darauf gefreut, am Abend wieder in Delhi bei unserem Host Sunil zu sein. Delhi sollte aber nur ein kurzer Zwischenstop auf unserem Weg durch Indien werden bevor es am nächsten Tag in den fernen Nordosten Indiens geht – die Heimat des Bergtees, Darjeeling!

 
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